IMPULS

Die Erschütterungen des vergangenen Donnerstag sind auch an diesem Wochenende noch spürbar und sie werden sich auch in den kommenden Tagen und Wochen nicht verflüchtigen. Die Veröffentlichung des Missbrauchsgutachten im Erzbistum München hat offengelegt, was kaum einer zu denken vermochte: Bis in die Spitzen unserer Kirchenhierarchie hinein hat sich die bleierne Selbstgerechtigkeit hineingefressen, die Kirche sei das zu allerhöchst schützende Gut, koste es, was es wolle, selbst die Würde eines einzelnen Menschen. Unfassbar, dass Menschen, die ihren Dienst in die Nachfolge der befreienden Botschaft Jesu Christi stellen, bereit sind, ja sich sogar in dem Recht sehen, das Leben von ihnen anvertrauten Menschen zu opfern, um etwas zu schützen, das es nur als Ideal bzw. nur als Idee gibt: Kirche als eine Verwirklichung des Reiches Gottes.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Veröffentlichung dieses Münchener Gutachtens eine Zäsur darstellt in unserer Kirche. Auch das ist schon oft beschworen worden und in diesen Tagen immer wieder aus bekannten Mündern ausgesprochen: Die Wahrheit muss auf den Tisch und so kann es nicht weitergehen. Nur: Die Wahrheit ist längst auf dem Tisch und es geht dennoch immer so weiter. Übrigens auch trotz aller verbindlichen Präventionsfortbildungen für die kirchlichen Mitarbeitenden und trotz aller zweifelsohne wohlmeinenden Schutzmaßnahmen, die in den einzelnen Bistümern errichtet wurden. Auch das ist keine neue Erkenntnis: Innersystemisch wird es keine Heilung geben; es bedarf der Kontrolle von außen. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert dies schon seit geraumer Zeit.

Mich zermürbt diese Schizophrenie der kirchlichen Botschaften und mir treibt es die Schamesröte ins Gesicht, dass alle so tun wie immer. In unseren Gemeinden feiere ich weiter Gottesdienst, ich höre – in Corona-Zeiten still teilhabend – die Lieder aus dem Gotteslob, ich mühe mich, die Worte der Schrift in einen Kontext zu unserem heutigen Leben zu stellen, ich lege in die offenen Hände der Gottesdienstbesuchenden ein Stück Brot, das die Nähe des menschgewordenen Gottes greifbar machen möchte, ich nehme teil – auch dank Corona heutzutage digital – an verschiedenen Besprechungen und Konferenzen und plane Tauf-, und Ehevorbereitungen, ich begleite bei Beerdigungen trauernde Menschen. Alles wie immer und alles im Auftrag dieser Kirche. Und bei all dem frage ich mich, ob ich mich nicht mitschuldig mache dadurch, dass ich diesen Alltag aufrecht erhalte; schuldig mache denen gegenüber, die in dieser Kirche, von Mitarbeitenden dieser Kirche aufs schändlichste missbraucht worden sind, körperlich, psychisch und seelisch. Ich frage mich, wie ich mich zu dieser realen Kirche verhalten kann, ohne jene zu verraten, die verraten worden sind mit allem, was ihnen heilig gewesen ist: Ihre Persönlichkeit, ihre Unversehrtheit, ihre Einzigartigkeit nicht minder wie ihr Glauben und das Vertrauen anderen Menschen gegenüber?

Gibt es eine Perspektive? Gibt es eine Hoffnung? Gibt es überhaupt einen Weg? Im Evangelium des heutigen Sonntages heißt es: „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt.“ Jesus sagt dieses Wort, nachdem er aus der Schrift vorgelesen hat: „Der Geist des Herrn ruht auf mir.“ Diesen Geist, so denke ich, werde ich, werden wir nur finden, wenn wir ihn in den Opfern suchen; in der Kirche finde ich ihn heute nicht.

Czaja Braatz Knäuel (c) Chr. Simonsen

 

 

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