Ausstellungen und Konzerte

Aeham Ahmad spielt am 22. November in der Citykirche

©Aeham Ahmad_Niraz Saied Kopie (c) Aeham Ahmad

Aeham Ahmad, der Pianist aus den Trümmern von Yarmouk kommt in die Citykirche Mönchengladbach.

 

Ansprache von Christoph Simonsen zur Ausstellungseröffnung DIE ZEHN ANGEBOTE - Grafiken von Udo Lindenberg

lclpkiegcpndebko Kopie_hell (c) CK MG

Die zehn (An)Gebote – Ausstellung Udo Lindenberg 26.02.2020

 

Die Frage bekam ich einige Male zu hören: „Ist das ein Joke, Bilder von Udo Lindenberg bei euch? Malt der überhaupt, wusste ich gar nicht“. Udo Lindenberg malt, und er malt gut. Er hat diesen Bilderzyklus im Original dem Bonifatius Werk zur Verfügung gestellt anlässlich des Katholikentages in Münster. Später entstand daraus eine autorisierte Serie von Briefmarken, die wir mit Originalunterschriften vom Künstler zeigen können.

Vergrößert können Sie die Arbeiten auf dem Bildschirm hier an der Seite des Altarraumes anschauen.

 

Ich möchte Herrn Jürgen Essers danken, der irgendwann bei mir einfach so angerufen hat und gefragt hat: Willste die mal  zeigen bei dir? Herr Essers ist – wohl ähnlich wie Udo Lindenberg – so ein klein wenig verrückt. Beide glauben daran, dass Kunst etwas bewegen kann, Menschen inspirieren kann.

 

Josef Beuys soll einmal gesagt haben, er stelle seine Kunst nicht aus; er stelle seine Kunst ab. Ich finde das einen tollen Gedanken: Künstler stellen ihre  Kunst irgendwo hin und vertrauen darauf, dass die Betrachterin, der Betrachter damit was machen. Gute Kunst macht was mit einem, weckt neue Fragen, regt zum Nachdenken an, stellt einen mit den eigenen vertrauten Lebensgewohnheiten.in Frage. Darstellende Kunst wie auch musische Kunst.

 

Udo Lindenberg würden die meisten von uns wohl eher weniger in die Rubrik „hohe Kunst“ einordnen, eher schon in die Rubrik  „verrückter Vogel“. Und ja, das mag  zum Teil auch stimmen. Aber ich kann nichts dafür, mich faszinieren verrückte Typen. Sie faszinieren mich, weil sie Gewohntes, Vertrautes, für mich Normales ver-rücken. Typen, das sind Menschen mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit. Und Udo Lindenberg ist eine Persönlichkeit, die verrückt sein mag, die nicht von allen verstanden wird; aber auf jeden Fall ist er eine Persönlichkeit, der man unzweifelhaft zusprechen muss, das eigene Leben, sein persönliches ungeschöntes Leben im Kontext von Gesellschafft und Welt sehr gewissenhaft zu reflektieren.

Seine Lieder durchströmen in gleicher Weise eine tiefe Ehrlichkeit, Bodenständigkeit und Klarheit. In seinen Liedern positioniert sich Udo Lindenberg; er stellt sich auf die Seite derer, die wir oft – auch in unserer Kirche – als die Kleinen, die Benachteiligten, die am Rande stehenden bezeichnen. Aber was mich und viele andere verunsichert, er tut dies, indem er sich mit ihnen auf eine Stufe stellt. Und das eben tut unsere Kirche nicht, oder zu selten: Unsere Kirche vermittelt Lebensweisheiten, Botschaften, will evangelisieren, hat also etwas, womit sie den und die andere beglücken will in einer über den Dingen stehenden Weise. Von dieser Selbstgewissheit aber ist Udo Lindenberg meilenweit entfernt. Er vermittelt weniger Weisheiten und Gewissheiten, er vermittelt sich, sein eigenes Leben, seine Niederlagen und seine Träume. Deshalb ist er ein vorbildlicher Botschafter des Lebens in seiner Kunst. Typen wie Lindenberg sind dabei sicher kantiger, schroffer, aber auf jeden Fall ehrlicher und damit auch liebenswürdiger. Zugeneigt kann ich nur Menschen sein, die etwas darstellen, deren Überzeugungen erfahrengeschwängert sind, vom Leben gezeichnet und vom Leben bereichert.

Lindenberg gibt von sich; er verschenkt sich; er verströmt sich. Man muss seine Lebensüberzeugungen nicht immer teilen, aber man muss unweigerlich Anteil nehmen an ihnen. Und dann ist es eine unweigerliche Konsequenz, dass Leben sich berühren und ein neues Nachdenken nach sich selbst beginnt. Seine Songs sind Botschaften, die lebenstrunken erfahren sind, die in gleicher Weise ermutigen und mahnen und die das eigene Leben, das des Zuhörenden bzw. Zuschauenden beleuchten.

 

In den 60ger Jahren begann er seine Karriere mit den city preachers. Stadtprediger, klingt fromm, war es aber nicht. Denn der Band ging es nicht um Idealisierungen, nicht um Hirngespinste, nicht um Schönrederei, sondern schlicht: um das konkrete Leben. Und sehr viel später wird Lindenberg mit seinen eigenen Liedern bekannt. Alles braucht bekanntlich seine Zeit. Er schafft es, Persönlichkeit, Subjektivität, eigene wie auch gegenüberstehende Subjektivität, wertzuschätzen und zugleich einzubinden in etwas, das größer ist, das von sich verweist auf eine andere Kraft.  Ein Beispiel:

 

Ich bin gerast durch dieses Leben
Bin geflogen aus den Kurven
Hab mich selber ausgeknockt
Und immer weiter gezockt
Wo was los war, ich war da
War der Hexer in jeder Bar
Ich war hinter jeder Grenze
Und so viel weiter
Man ich hab mich selber fast verlorn
Doch so'n Hero stürzt ab steht auf und startet von vorn

Doch du
Warst immer bei mir irgendwie
Wie ne super starke Melodie
Die mich packte und nach Hause trug
Und du
Warst da wenn ich am Boden lag
Und ganz egal was ich auch tat
Du hast mich niemals ausgebuht
Mille grazie
Vor dir zieh ich meinen Hut

Du warst immer für mich da
Aufm Highway to hell
Rockerhelden sterben jung
Rockerhelden leben schnell
Man riskiert so manches
Für den besonderen Kick
War oft schon übern Jordan
Doch du holst mich cool zurück

Keiner hat mich je so doll geliebt
bist wie'n Schutzengel der Überstunden, der Überstunden schiebt.

Diese Liedverse aus „Ich zieh den Hut“ verdeutlichen das vielleicht ein wenig. Der andere, der zum Leben verhilft – ob Mensch oder Gott, wer weiß es - ist kein Fremdkörper für Udo Lindenberg. Eine Reihe anderer Lieder zeigen das: Leben geht nur im Bezug zu einem vertrauenden Gegenüber.

Und nun malt Udo Lindenberg auch seit einigen Jahren. Bilder von ihm habe ich persönlich zum ersten Mal in einer kleinen Galerie in Hamburg entdeckt. Was auf den ersten Blick mehr wie eine kindliche Arbeit aussieht, entpuppt sich doch auf den zweiten Blick als ein nachdenklich stimmender und sehr wohl froh machender Hingucker.

 

 

Ernstes, Lebenswichtiges so darstellen, dass man schmunzeln möchte, sieht einfach aus, ist es aber nicht. Wie lange haben Menschen die zehn Gebote verkniffen, angstbesetzt, mit erhobenem Zeigefinger, mit Höllenfeuer drohend unter die Menschen gebracht? Solch eine Sichtweise ist Udo völlig fremd. Lindenberg ist keiner, der droht, der belehrend auftritt, der vorgibt zu wissen.

Das erste Bild dieses Zyklus ist nahezu symptomatisch. Alle, die künstlerisch tätig sind, wissen, wie emotional der Moment ist, wo man mit dem Pinsel vor der leeren Leinwand steht, oder mit dem Meißel vor dem unbehauenen Stein. Das erste Bild aus der Serie von Udo Lindenberg ist eigentlich schon eine künstlerische Meisterleistung. Er, der Maler, hebt mit dem Pinsel an und verwahrt sich ein weiteres Arbeiten. Gleichwohl löst das bei ihm alles andere als Beklommenheit aus; vielmehr liegt in diesem und über diesem Bild eine genügsame Ruhe, nicht selbstgenügsam, sondern lebensgenügsam. Ich muss kein Bild machen. Ich muss mir kein Bild machen von Gott; ich muss es gar nicht. Die leere Leinwand, der geheimnisvolle Gott, beängstigt nicht, er befriedet und entspannt. Die Zigarre in der linken Hand und der gelöste Gesichtsausdruck des Malers muss keiner tiefsinnig interpretieren, theologisieren.

Die Leinwand scheint zu entschweben, Gott scheint sich zu entziehen; dennoch fühlt sich der Maler nicht bedroht, nicht seiner Kompetenz beraubt. Wie der Maler malen will, will der Mensch immer verstehen. Es gibt aber Wirklichkeiten, die kann man nicht malen, auch nicht verstehen. Was man muss: Man muss sie lassen. Und Gelassenheit ist weitaus lebensbestärkender als Verbissenheit.

In ähnlicher Weise lassen sich auch die anderen Bilder betrachten und ich kann Sie nur einladen, sich dieser fröhlichen Gelassenheit in den Bildern von Udo Lindenberg anzuvertrauen. Aus Geboten, die in unserer Kirche in der Vergangenheit zu Verboten hochstilisiert wurden, entwirft Lindenberg Angebote, die das Leben erfüllter, gelassener, ruhiger erscheinen lassen. So kann ein Leben dann auch „stark wie zwei“ werden, um einen anderen Titel aus seinem Lieder Repertoire zu zitieren.

Ich möchte meinem Team der ehrenamtlichen Mitarbeitenden danken, die den Bilderzyklus sozusagen didaktisch aufgearbeitet haben, allen voran John Barawasser und das Ehepaar Kolbe. Sie sind eingeladen, sich die Angebote, die in den Geboten ausgesprochen werden, in schriftlicher Form zur Erinnerung mitzunehmen.

Und dazu möchte ich Sie herzlich bitten, uns und den Gästen unserer Citykirche mitzuteilen, wie Ihnen diese Lebensangebote behilflich sind oder in Zukunft behilflicher werden können, so dass ihr eigenes Leben ruhiger, wie auch erfüllter werden kann. In jeder und jedem von uns stecken wunderbare Begabungen, bildlich oder sprachlich andere am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Nur keine Hemmungen.

Christoph Simonsen