Ausstellung "leicht" - Werke von Marco Schüler

Marco Schuler lebt und arbeitet im Markgräflerland und Freiburg/Br.

Studium der Bildhauerei in der Akademie der Bildenden Künste; 1998 Meisterschüler bei Prof. Olaf Metzel.

Marco Schuler zeigt ein großformatiges Triptychon in der Citykirche und Videokunst. 

Der Titel der Ausstellung „leicht“ verweist auf einen Tatbestand, große, ernste Themen der Religionen und des menschlichen Zusammenlebens auf einzigartig leichte Weise umzusetzen.

 

Die Ausstellung ist noch bis Ende April in der Citykirche zu sehen.

 

 

 

8f62e261-8c6e-48e8-be20-53714bc7e4d3 (c) Chr. Simonsen

MUSIK TRIFFT FARBE, TANZ UND POESIE - Live Stream am Sonntag, 21.02.2021 um 17-18 Uhr in der Citykirche Mönchengladbach

2021_01_15_Citykirche Pfingstfenster Kopie (c) Chr. Simonsen

mit folgendenden Mitwirkenden:

 

Barbara Dembowski, Christian Bauer, Olaf Rönna, Rainer Königs, Jutta Kuhlen-Bauer (MUSIK)

Martin Müllner (LIGHTPAINTING)

Sabine Gyger (TANZ)

Dieses Mal erweitert sich unsere Session um die POETIN, Anja O aus Mönchengladbach, die mit eigenen und frei improvisierten Texten Ihren Beitrag leisten wird.

 

 

Geplant ist eine Improvisation in vier Sätzen zum Thema:   WACHSEN, WERDEN UND VERGEHEN.

Fünf Musiker/Innen, eine Tänzerin, eine Poetin und ein Lichtkünstler setzen sich improvisatorisch-experimentell mit diesem Thema auseinander. Jeder Teil hat seine eigene Aussage und ist dennoch Teil des Ganzen. Die Künstler aus den verschiedenen Sparten treten in Interaktion, lassen sich inspirieren, ergänzen und fügen zusammen. Jede Ausdruckssprache zeigt sich in ihrer charakteristischen Art und Weise, stellt sich dar, ordnet sich unter, korrespondiert. Eine spannende Reise ins Ungewisse, eine Performance, die Offenheit und Achtsamkeit der Akteure fordert und fördert. 

Sobald die Möglichkeit besteht, werden wir Face to Face wieder für Zuschauer öffnen, die auch zu Performern werden können . Material und Instrumente stehen dafür zur Verfügung!

Quer gesehen - ein anderer Blick auf vertraute Dinge

‚Intervenieren’ bedeutet zu vermitteln, sich im positiven Sinne einzumischen, um zwei Seiten einander näher zu bringen.

Dieses Projekt der Intervention konfrontiert vorhandene Orte und Ausstellungsstücke der Citykirche mit ungewohnten Dingen.

Dem vertrauten Gegenstand und seinem gewohnten Erscheinungsbild werden skulpturale Objekte zugesellt, die Aufmerksamkeit erregen, die Fragen aufwerfen, die provozieren und die zum Weiterdenken auffordern.

Weil diese Objekte auf den ersten Blick nichts mit den Ausstellungsstücken zu tun haben, laden sie dazu ein, im übertragenen Sinne einen Schritt zurückzutreten, um das Vertraute aus einer neuen, ungewohnten Perspektive anzuschauen und Dinge neu zu entdecken.

Ein kurzer offener Text bietet dazu an den einzelnen Stationen Denkimpulse an.

Interventionen 1 - Taufstein 1 (c) John Barrawasser

Die Exzessive Kraft der Kunst - Einleitende Worte zum Jahr der Orgel

2019_Orgel_IMG_9741-aj Kopie (c) A. Jütten

Einleitende Worte zum Jahr der Orgel im Rahmen der „Musik zur Marktzeit“ am 30. Januar 2021

 

Herzlich grüße ich Sie alle zu unserer – immer noch – ungewöhnlich stillen Musik zur Marktzeit.

Wenn es heute gilt, auf das besondere Jahr der Orgel hinzuweisen, dann zweifel ich, ob ich der Richtige bin, diesem Instrument den gebührenden Respekt entgegenzubringen.

Die Landesmusikräte haben die Orgel 2021 zum Musikinstrument des Jahres erkoren, und zweifelsohne hat die Königin der musikalischen Grandiosität diese Ehrung verdient. Klaus Paulsen hatte die zündende Idee, dazu heute die Organist*innen des Kirchenkreises und der Region Mönchengladbach in die Citykirche einzuladen in ökumenischer Verbundenheit und ich bin sehr dankbar, dass wir eine Möglichkeit gefunden haben, unter den Vorgaben der Corona Schutzbestimmungen eine solche Begegnung realisieren zu können. Liebe Organist*innen, ich grüße Sie alle von Herzen und hoffe, dass Sie, dass Ihr euch einigermaßen wohlfühlt an dem für Sie und Euch ungewohnten Plätzen mitten im Volk Gottes und nicht in den Sphären der Orgelemporen.

Aber noch einmal: Ich zweifel sehr an meiner Kompetenz und an der nötigen Professionalität, zu diesem Anlass des Jahres der Orgel die angemessenen einleitenden Worte zu finden. Zu meinem Geburtstag 1964 hatte ich mir von meiner Patentante ein Instrument gewünscht, zwar keine Orgel, aber eine Gitarre. In ihrer übergroßen Fürsorge schenkte sie mir ein Seiteninstrument, allerdings keine Gitarre, sondern eine Geige. Meine Begeisterung hielt sich damals in Grenzen und meine Patentante sank doch sehr in meiner Achtung. Sie strafte meine aufkeimende Begeisterung für Bob Dylan, Cat Stevens und Reinhard Mey mit Missachtung und nötigte mir stattdessen Bach und Liszt und Paganini auf. So wartete also in der Musikschule Herr Große-Schware auf mich, der festen Überzeugung, einen wohlgemuten Geiger unterrichten zu können. Leider weit gefehlt, nach 9 Monaten empfahl er meinen Eltern, den Geigenunterricht zu beenden, ich sei völlig unmusikalisch und untalentiert. Alles, was mit Kunst zu tun hatte, hab ich ob dieser Enttäuschung erst mal auf Eis gelegt; erst später, viel später, fand ich dann einen Zugang zur bildenden Kunst.

Heute bedaure ich natürlich diese Entwicklung, gleichwohl ich größte Ehrerbietung vor allem habe, was musikalische Virtuosität betrifft. Aber ich bin und bleibe diesbezüglich ein Dilettant.

Ein Dilettant ist ein „Nichtfachmann; jemand, der sich ohne fachmännische Schulung in Kunst oder Wissenschaft betätigt; ein Laie mit fachmännischem Ehrgeiz“. So heißt es im Duden. Ja, einen gewissen Ehrgeiz verspürte ich sehr wohl, als Klaus mich fragte, ob ich einige einleitende Worte sagen möge. Und es stimmt sicher auch, dass ich mich gern betätige im Umfeld von Kunst oder Wissenschaft – als leidenschaftlicher Dilettant.

Interessanterweise bietet der Duden auch noch eine weitere Umschreibung des Begriffes ‚Dilettant‘ an, wenn er behauptet, dass ein Dilettant auch ein „Kunstliebhaber“ sei. Und das kann ich wirklich von mir mit Fug und Recht behaupten, dass ich die Kunst liebe; die musische Kunst nicht minder wie die bildende.

Kunst hat schließlich immer mit Leidenschaft zu tun, wer wüsste das nicht besser als Du, lieber Klaus und Sie, liebe Organist-Kolleg*innen. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: die Leidenschaft für und an der Kunst macht abhängig. Kunst, die den Namen verdient, muss exzessiv sein. Es geht nicht ohne sie; es geht nicht ohne Musik. Ohne Kunst wird es nicht nur still, wie es auf unserem Banner heißt; ohne Kunst verkümmert Leben, ohne Musik verkümmert Leben. Erlauben Sie mir, einen Gedanken von Josef Beuys mit Ihnen zu erörtern, dessen 35. Todestag wir in der vergangenen Woche gedacht haben und dessen 100. Geburtstag im Mai bevorsteht. Er sagte einmal: Der Mensch hat die Fähigkeit zur Kreativität, er kann sich mit sich selbst in ein Verhältnis setzen, indem er die ‚geistigen Kräfte‘ an sich heranlässt, die das rationale Denken ausschließen möchte.“

Das ist Ihr und Euer Vermögen, als produzierende wie auch reproduzierende Kunstschaffende: Menschen an ihre eigene Fähigkeit zu erinnern, sich selbst finden zu können. Ihre, Eure Musik ermöglicht es, dass Menschen sich finden können. In jedem Choral, in jeder Suite, in jeder Sonate, in jeder Fuge liegt der Schlüssel zu dem Geheimnis, dass ein Mensch sich zu finden vermag. Sicher: es gibt auch Worte, die zu Herzen gehen, meistens aber erreichen Worte den Verstand. Kunst, Musik trifft den Menschen existentieller, essentieller. Nicht um zu verstehen geht es, sondern um zu erkennen. Und ja, ich gebe Beuys Recht: in nicht wenigen – gewiss nicht in allen, aber in nicht wenigen wesentlichen, entscheidenden Augenblicken des Lebens tut es not, den Verstand auch einmal abzuschalten und alle geistigen, ich würde auch sagen: geistlichen Kräfte zu mobilisieren, um dann sich selbst näher kommen zu können. Die tiefsten Geheimnisse des Lebens lassen sich nicht im Kopf, sondern mehr im Herzen erspüren. Damit möchte ich einem vernunftgemäßen Handeln nicht entgegenwirken; Verstand und Vernunft leiten unsere Lebenswege, aber alle Überzeugung muss verankert sein in der Seele, in der Psyche, im Herzen des Menschen, ansonsten ist die Gefahr einer inneren Spaltung groß.

Franz-Josef van der Grinten sagte einmal: Die Wege der Kunst führen den, „der sie erkennend schreitet, ins Eigene, wo auch immer sie enden. Man ist es selbst, bei dem man ankommt.“

Wie gesagt, ich bin ein blutiger Laie, aber wenn ich Biographien von namhaften Künstler*innen lese, von Mozart zum Beispiel, dann muss ich sagen, ist die Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn nahezu zu spüren, zu hören, zu sehen. Und das muss auch so sein, denn die Suche nach dem Eigentlichen, dem Wesentlichen muss einen Menschen umtreiben. Musik, wirkliche Musik unterliegt der Verantwortung, wie auch die bildende Kunst, zu verstören, zu verunsichern, einen Menschen umzutreiben in der Frage nach dem, was Leben ist.

Die Orgel als die Königin der Musikinstrumente ist das geborene Instrument für unsere Kirchen. In der Verschiedenheit ihrer Klangvariationen kann sie im Menschen die verschiedensten Seelentiefen der Menschen berühren. Religion und Kunst nähren sich aus vergleichbaren Quellen. Sie wollen dem Menschen dienlich sein, zur Erkenntnis seiner selbst zu gelangen. Dabei führt jede Erkenntnis zu neuen Fragen und Herausforderungen. Religion und Kunst machen süchtig; nicht mit der Perspektive,  – wie andere Suchtpotentiale – sich selbst zu verlieren, sich seiner selbst zu entfremden, sondern ganz im Gegenteil, sich selbst näher zu kommen, ihre/ seine Bestimmung zu finden, eine Ahnung zu bekommen davon, wohin die Reise des Lebens geht. Musik, Kunst ist beides: Lebenserfinderin und Lebensfinderin.

Ich würde gern noch einen weiteren Aspekt anbringen, der sich immer in der Kunst zeigt. Keine Orgel gleicht im Klang einer anderen, kein Organist interpretiert das gleiche Stück gleich, wie auch die gleiche Symphonie, von je verschiedenen Dirigenten interpretiert, andere Nuancen hörbar macht. Sicherlich langweile ich Sie mit dieser Erkenntnis, denn wer wüsste das nicht besser als die Musiker*innen und geschätzte Zuhörende.

Musik, zumal Orgelmusik erweckt nie Eindeutigkeit. Wenn denn Musik ein Ergebnis erzielen kann, dann nur dieses: Affirmation und Irritation, Erfahrbares und Rätselhaftes in seiner Widersprüchlichkeit ebenso wie in seiner Bezogenheit aufeinander zur Disposition zu stellen. Was ich sagen möchte: So intim der Prozess des Schaffens ist (fragen sie einmal einen Komponisten, einen Maler oder Bildhauer), so öffentlich ist die Präsentation des Werkes. Der Schöpfer – so möchte ich einmal bewusst sagen und dazu zähle ich auch den Interpreten eines Werkes, also den/ die Organist/in - , setzt sich den Zuhörenden, den Zuschauenden aus und das Werk erhält eine Eigendynamik, wobei nur eines gewiss ist, alles andere bleibt Geheimnis: Der Schöpfer, der Kunstschaffende, will sich und sein Werk verschenken, will alles geben in der Hoffnung, dass es etwas bewirkt, dass es etwas verändert, dass etwas erweckt wird – zum Leben erweckt wird. Aber was es bewirkt, bei wem es etwas verändert, ob etwas erweckt wird, das liegt nicht in der Macht des/der Künstler*in, das allein obliegt der Frage, ob es zu einer Verschmelzung kommt zwischen Werk und Zuhörenden bzw. Betrachtenden.

Jede Inszenierung eines Werkes ist deshalb in seinem Wesen immer zweierlei: sie ist einerseits Geheimnisträgerin wie auch Neuschöpfung, denn die Gedanken und Emotionen des/der Interpret*in liegen zwar im Werk verborgen, aber die Empfängnis des Zuhörenden ist gänzlich unterschieden davon. Dass ein Mensch etwas geschaffen hat aus sich, herausgefordert von dem Drängen, dem Geheimnis von Geburt und Tod, von Lust und Last, von Freiheit und Begrenztheit, von Recht und Unrecht auf die Spur zu kommen, das gibt der Musik, der Kunst eine unabdingbare Bedeutung, weil es nämlich den Zuhörenden/ den Betrachtenden die Chance gibt, sich verwandeln zu lassen. Alles Leben ist Veränderung. Übrigens in Klammern gesagt: Deshalb braucht die Kirche die Kunst unabdingbar und die Gesellschaft nicht minder, um nicht in der Starre des Tradierten verhaftet zu bleiben. Die Kunstschaffenden sind die Garanten unserer Zeit, dem Leben mehr zuzumuten, anstatt sich dem Ist-Zustand zu ergeben. Die Musik, die Kunst traut dem Leben mehr zu, als es nur zu bewahren.

Kunstschaffende geben sich mit einem ‚bezeugen‘ nicht zufrieden; Kunstschaffende stellen sich der Herausforderung, etwas zu zeugen. Zuhörende, Betrachtende nehmen diese Herausforderung an, zeigen Bereitschaft, sich hinterfragen zu lassen und halten sich offen für eine Transformation. Die Kunst, die Versichtbarung, Verhörbarung eines Schöpfungsaktes ist, ermöglicht, dass das Individuum Mensch sich als permanentes Schöpfungsgeschehen erfährt.

Der Dilettant ist am Ende. Gitarre, gar Geige zu spielen ist mir nicht vergönnt, ich spiele besser mit Worten. Dieses besondere Jahr 2021 als Jahr der Orgel, so wünsche ich Ihnen, Euch und uns, möge dazu seinen Beitrag leisten, dass wir Menschen uns als Geschöpfe erkennen, die des Schaffens fähig sind; aber noch mehr: die unabdingbar des Schaffensaktes bedürfen – immer wieder neu. Herzlichen Dank!

Christoph Simonsen

 

Zur Ausstellung: "Jeder Tag ist Leben"

PHOTO-2021-01-06-6_15-12-47 (c) Chr. Simonsen

Die Viersener Künstler*innen Gruppe hat sich nicht gerade den günstigsten Termin ausgesucht, um ihre Arbeiten in der Citykirche zu zeigen; gleichwohl zweifelsohne einer großen Öffentlichkeit die Möglichkeit eines Besuches gegönnt wäre, so bleibt bis auf weiteres das Gebot der Stunde, sich zurückzuhalten, sich ins Private zurückzuziehen, Begegnungen in der Öffentlichkeit zu meiden und Orte des Schutzes und der Zurückgezogenheit aufzusuchen.

Klingt das gewählte Leitwort dieser Ausstellung da nicht gerade zynisch, da doch Leben vor allem gleichbedeutend ist mit: Leben in Beziehung. Leben sucht, braucht, ersehnt, erhofft Berührung, Wärme, Zuwendung: Leben ohne Austausch, ohne Spannung, ohne Bewegungsfreiheit, auch ohne die Möglichkeit, sich abzugrenzen, sich zu unterscheiden von anderen, ist und bleibt eingeschränktes, unvollständiges, eigentlich sogar unlebbares Leben.

„Jeder Tag ist Leben“, also auch diese so abgrenzenden, ausgrenzenden, Stillstand einfordernden Tage? Die Zuschreibung der gewählten Überschrift lässt keine Interpretation möglich: Jeder Tag ist Leben. Nicht: einige, oder: die meisten, oder: fast alle; oder welche Einschränkung auch sonst noch möglich ist. Jeder Tag ist Leben. Uneingeschränkt auch die unseren heute.

Was auffällt: Eine Gruppe von Künstler*innen stellt uns  Bilder zur Verfügung, die eines gemeinsam haben: Sie sind je anders: anders in der Farbgebung, anders im Pinselstrich, anders in der Bildaufteilung, anders in der Motivfindung. Die Andersartigkeit ist das Verbindende im Blick auf diese Bilder.

Einige Beispiele seien erwähnt, ohne dass damit eine Präferenz der Bilder vorgenommen werden möchte:

Da ist das Bild, das einer Luftaufnahme gleicht: die Weite einer Fläche großer Felder verschwommen zeigend, darin Wegkreuzungen.

Da das Bild, das Alltagsszenen zeigt, ein wanderndes Paar, zwei ältere Menschen, die erwartungsvoll nach vorne schauen, ein Clown, von dem ich nicht erkennen kann, ob er lacht oder weint, eine stilisierte Menschengruppe – anonym und doch zusammenstehend.

Da das Bild, das durch den Strahl hervorsticht, der alles nur licht macht.

Da das Bild, das uns vor Augen führt, was mehr als alltäglich ist: Eine Szene auf der Autobahn, denn Mobilität ist das Notwendigste wie auch Selbstverständlichste von der Welt.

Da ist das Bild, das so leicht daherkommt und die unendliche Weite und Freiheit der Wolken vor Augen führt, die kommen und gehen, die ebenso verhüllen und durchscheinen lassen.

Sechs Bilder, sechs Einblicke in das, was auf Leben verweist: Hunger, Emotionalität, Licht, Mobilität, Grenzenlosigkeit.  Bilder, die uns vor Augen führen – im wahrsten Sinn des Wortes – dass Leben mehr ist als eine Momentaufnahme, mehr als ein augenblicklicher Verzicht, mehr als eine Erfahrung trostloser Zeit. Bilder, die uns vor Augen führen, dass Leben mehr ist. Dieses „mehr“ lässt leben, jeden Augenblick.

Schaut gern herein in unsere Citykirche, die selbstverständlich auch in diesen schwierigen Zeiten geöffnet ist zu den bekannten Zeiten. Die ausgestellten Bilder mögen Lebensbegleiter sein – auch heute.

Euer

Christoph Simonsen

 

 

Licht und Klang - ein live-streaming-Konzert

2020_12_Adventskranz 4.Advent (c) J. Barrawasser

Die Musikerin Jutta Kuhlen-Bauer und der Fotograf Martin Müllner haben im Dezember 2020 die Citykirche verwandelt in einen Klang-Raum der ganz besonderen Art. Das hier hinterlegte Video als live-streaming-Konzert möchte den Eindruck erwecken einer direkten Teilnahme, so als seid ihr sozusagen Besucher*innen der Generalprobe. Das Draußen wird nach Innen geholt, die Welt mit all ihren wunderbaren und nicht nachahmbaren Geräuschen holt der Klangteppich in die Citykirche hinein und das Licht, das uns im Winter so fehlt, berauscht auch den letzten Winkel der Kirche.

Es ist ein Versuch gewesen, in Corona-Zeiten, unsere Kirche zu beleben und zu berauschen und ich bin mir gewiss, dass dies gelungen ist. Ein Dank an die Künster*innen und alle Beteiligten.

 

Nach-Denk-liches / Annäherung an Zeitgenössisches in Bild und Ton

2021_01_15_Citykirche Pfingstfenster Kopie (c) Chr. Simonsen

Die Citykirche streamt das Konzert vom Sonntagabend, 17. Januar 2021 um 18.00 Uhr, und alle können mithören, wenn sie mögen.

Andreas Steffens lässt die Töne tanzen und uns vielleicht mit, zumindest hüpfen, um die Nachbarn neben uns und unter uns nicht zu irritieren.

Hier die Links, unter denen Sie mithören, miterleben und sich mit freuen können, einfach so, weil Gott eben überall zuhause ist.

https://www.movingsounds.zone

https://www.youtube.com/user/jazzandcontemporary

Ansprache von Christoph Simonsen zur Ausstellungseröffnung DIE ZEHN ANGEBOTE - Grafiken von Udo Lindenberg

lclpkiegcpndebko Kopie_hell (c) CK MG

Die zehn (An)Gebote – Ausstellung Udo Lindenberg 26.02.2020

 

Die Frage bekam ich einige Male zu hören: „Ist das ein Joke, Bilder von Udo Lindenberg bei euch? Malt der überhaupt, wusste ich gar nicht“. Udo Lindenberg malt, und er malt gut. Er hat diesen Bilderzyklus im Original dem Bonifatius Werk zur Verfügung gestellt anlässlich des Katholikentages in Münster. Später entstand daraus eine autorisierte Serie von Briefmarken, die wir mit Originalunterschriften vom Künstler zeigen können.

Vergrößert können Sie die Arbeiten auf dem Bildschirm hier an der Seite des Altarraumes anschauen.

 

Ich möchte Herrn Jürgen Essers danken, der irgendwann bei mir einfach so angerufen hat und gefragt hat: Willste die mal  zeigen bei dir? Herr Essers ist – wohl ähnlich wie Udo Lindenberg – so ein klein wenig verrückt. Beide glauben daran, dass Kunst etwas bewegen kann, Menschen inspirieren kann.

 

Josef Beuys soll einmal gesagt haben, er stelle seine Kunst nicht aus; er stelle seine Kunst ab. Ich finde das einen tollen Gedanken: Künstler stellen ihre  Kunst irgendwo hin und vertrauen darauf, dass die Betrachterin, der Betrachter damit was machen. Gute Kunst macht was mit einem, weckt neue Fragen, regt zum Nachdenken an, stellt einen mit den eigenen vertrauten Lebensgewohnheiten.in Frage. Darstellende Kunst wie auch musische Kunst.

 

Udo Lindenberg würden die meisten von uns wohl eher weniger in die Rubrik „hohe Kunst“ einordnen, eher schon in die Rubrik  „verrückter Vogel“. Und ja, das mag  zum Teil auch stimmen. Aber ich kann nichts dafür, mich faszinieren verrückte Typen. Sie faszinieren mich, weil sie Gewohntes, Vertrautes, für mich Normales ver-rücken. Typen, das sind Menschen mit einer unverwechselbaren Persönlichkeit. Und Udo Lindenberg ist eine Persönlichkeit, die verrückt sein mag, die nicht von allen verstanden wird; aber auf jeden Fall ist er eine Persönlichkeit, der man unzweifelhaft zusprechen muss, das eigene Leben, sein persönliches ungeschöntes Leben im Kontext von Gesellschafft und Welt sehr gewissenhaft zu reflektieren.

Seine Lieder durchströmen in gleicher Weise eine tiefe Ehrlichkeit, Bodenständigkeit und Klarheit. In seinen Liedern positioniert sich Udo Lindenberg; er stellt sich auf die Seite derer, die wir oft – auch in unserer Kirche – als die Kleinen, die Benachteiligten, die am Rande stehenden bezeichnen. Aber was mich und viele andere verunsichert, er tut dies, indem er sich mit ihnen auf eine Stufe stellt. Und das eben tut unsere Kirche nicht, oder zu selten: Unsere Kirche vermittelt Lebensweisheiten, Botschaften, will evangelisieren, hat also etwas, womit sie den und die andere beglücken will in einer über den Dingen stehenden Weise. Von dieser Selbstgewissheit aber ist Udo Lindenberg meilenweit entfernt. Er vermittelt weniger Weisheiten und Gewissheiten, er vermittelt sich, sein eigenes Leben, seine Niederlagen und seine Träume. Deshalb ist er ein vorbildlicher Botschafter des Lebens in seiner Kunst. Typen wie Lindenberg sind dabei sicher kantiger, schroffer, aber auf jeden Fall ehrlicher und damit auch liebenswürdiger. Zugeneigt kann ich nur Menschen sein, die etwas darstellen, deren Überzeugungen erfahrengeschwängert sind, vom Leben gezeichnet und vom Leben bereichert.

Lindenberg gibt von sich; er verschenkt sich; er verströmt sich. Man muss seine Lebensüberzeugungen nicht immer teilen, aber man muss unweigerlich Anteil nehmen an ihnen. Und dann ist es eine unweigerliche Konsequenz, dass Leben sich berühren und ein neues Nachdenken nach sich selbst beginnt. Seine Songs sind Botschaften, die lebenstrunken erfahren sind, die in gleicher Weise ermutigen und mahnen und die das eigene Leben, das des Zuhörenden bzw. Zuschauenden beleuchten.

 

In den 60ger Jahren begann er seine Karriere mit den city preachers. Stadtprediger, klingt fromm, war es aber nicht. Denn der Band ging es nicht um Idealisierungen, nicht um Hirngespinste, nicht um Schönrederei, sondern schlicht: um das konkrete Leben. Und sehr viel später wird Lindenberg mit seinen eigenen Liedern bekannt. Alles braucht bekanntlich seine Zeit. Er schafft es, Persönlichkeit, Subjektivität, eigene wie auch gegenüberstehende Subjektivität, wertzuschätzen und zugleich einzubinden in etwas, das größer ist, das von sich verweist auf eine andere Kraft.  Ein Beispiel:

 

Ich bin gerast durch dieses Leben
Bin geflogen aus den Kurven
Hab mich selber ausgeknockt
Und immer weiter gezockt
Wo was los war, ich war da
War der Hexer in jeder Bar
Ich war hinter jeder Grenze
Und so viel weiter
Man ich hab mich selber fast verlorn
Doch so'n Hero stürzt ab steht auf und startet von vorn

Doch du
Warst immer bei mir irgendwie
Wie ne super starke Melodie
Die mich packte und nach Hause trug
Und du
Warst da wenn ich am Boden lag
Und ganz egal was ich auch tat
Du hast mich niemals ausgebuht
Mille grazie
Vor dir zieh ich meinen Hut

Du warst immer für mich da
Aufm Highway to hell
Rockerhelden sterben jung
Rockerhelden leben schnell
Man riskiert so manches
Für den besonderen Kick
War oft schon übern Jordan
Doch du holst mich cool zurück

Keiner hat mich je so doll geliebt
bist wie'n Schutzengel der Überstunden, der Überstunden schiebt.

Diese Liedverse aus „Ich zieh den Hut“ verdeutlichen das vielleicht ein wenig. Der andere, der zum Leben verhilft – ob Mensch oder Gott, wer weiß es - ist kein Fremdkörper für Udo Lindenberg. Eine Reihe anderer Lieder zeigen das: Leben geht nur im Bezug zu einem vertrauenden Gegenüber.

Und nun malt Udo Lindenberg auch seit einigen Jahren. Bilder von ihm habe ich persönlich zum ersten Mal in einer kleinen Galerie in Hamburg entdeckt. Was auf den ersten Blick mehr wie eine kindliche Arbeit aussieht, entpuppt sich doch auf den zweiten Blick als ein nachdenklich stimmender und sehr wohl froh machender Hingucker.

 

 

Ernstes, Lebenswichtiges so darstellen, dass man schmunzeln möchte, sieht einfach aus, ist es aber nicht. Wie lange haben Menschen die zehn Gebote verkniffen, angstbesetzt, mit erhobenem Zeigefinger, mit Höllenfeuer drohend unter die Menschen gebracht? Solch eine Sichtweise ist Udo völlig fremd. Lindenberg ist keiner, der droht, der belehrend auftritt, der vorgibt zu wissen.

Das erste Bild dieses Zyklus ist nahezu symptomatisch. Alle, die künstlerisch tätig sind, wissen, wie emotional der Moment ist, wo man mit dem Pinsel vor der leeren Leinwand steht, oder mit dem Meißel vor dem unbehauenen Stein. Das erste Bild aus der Serie von Udo Lindenberg ist eigentlich schon eine künstlerische Meisterleistung. Er, der Maler, hebt mit dem Pinsel an und verwahrt sich ein weiteres Arbeiten. Gleichwohl löst das bei ihm alles andere als Beklommenheit aus; vielmehr liegt in diesem und über diesem Bild eine genügsame Ruhe, nicht selbstgenügsam, sondern lebensgenügsam. Ich muss kein Bild machen. Ich muss mir kein Bild machen von Gott; ich muss es gar nicht. Die leere Leinwand, der geheimnisvolle Gott, beängstigt nicht, er befriedet und entspannt. Die Zigarre in der linken Hand und der gelöste Gesichtsausdruck des Malers muss keiner tiefsinnig interpretieren, theologisieren.

Die Leinwand scheint zu entschweben, Gott scheint sich zu entziehen; dennoch fühlt sich der Maler nicht bedroht, nicht seiner Kompetenz beraubt. Wie der Maler malen will, will der Mensch immer verstehen. Es gibt aber Wirklichkeiten, die kann man nicht malen, auch nicht verstehen. Was man muss: Man muss sie lassen. Und Gelassenheit ist weitaus lebensbestärkender als Verbissenheit.

In ähnlicher Weise lassen sich auch die anderen Bilder betrachten und ich kann Sie nur einladen, sich dieser fröhlichen Gelassenheit in den Bildern von Udo Lindenberg anzuvertrauen. Aus Geboten, die in unserer Kirche in der Vergangenheit zu Verboten hochstilisiert wurden, entwirft Lindenberg Angebote, die das Leben erfüllter, gelassener, ruhiger erscheinen lassen. So kann ein Leben dann auch „stark wie zwei“ werden, um einen anderen Titel aus seinem Lieder Repertoire zu zitieren.

Ich möchte meinem Team der ehrenamtlichen Mitarbeitenden danken, die den Bilderzyklus sozusagen didaktisch aufgearbeitet haben, allen voran John Barawasser und das Ehepaar Kolbe. Sie sind eingeladen, sich die Angebote, die in den Geboten ausgesprochen werden, in schriftlicher Form zur Erinnerung mitzunehmen.

Und dazu möchte ich Sie herzlich bitten, uns und den Gästen unserer Citykirche mitzuteilen, wie Ihnen diese Lebensangebote behilflich sind oder in Zukunft behilflicher werden können, so dass ihr eigenes Leben ruhiger, wie auch erfüllter werden kann. In jeder und jedem von uns stecken wunderbare Begabungen, bildlich oder sprachlich andere am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Nur keine Hemmungen.

Christoph Simonsen