Schätze der Citykirche

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Taufstein mit Triptychon (c) John Barrawasser
Taufstein mit Triptychon

Die letzte Frage ist die nach der Zukunft

Eine Hinführung auf das Triptychon von Herbert Nauderer

 

Was sehe ich?

Drei gleich große Leinwände. Die Gestaltung, die in der Farbgebung und in der Form ähnlich sind, legt nahe, dass diese drei Bildflächen zusammen ein Ensemble darstellen sollen. Das Ensemble als Gesamtbild wirkt durch die uniforme Farbgebung unscheinbar, gleichwohl bei der Betrachtung Emotionen geweckt werden. Obwohl die Bilder dunkel wirken, ermöglichen wenige erdfarbene Flächen eine Bodenständigkeit, die vor einem allzu bedrohlichen Angstgefühl bewahren möchte.

Ich sehe im zweiten Blick aneinander gereihte Gesichter und Antlitze. Schädel sehe ich. Ich sehe Köpfe wie von Kinderhand gemalt, Schädel, wie von Röntgenstrahlen durchleuchtet, Fragmente von Gesichtern mit angedeuteten Nasen und Augenhöhlen, Gesichter, die sich aus der Dunkelheit herauszuschälen scheinen. Ich sehe aber bei genauem Hinsehen auch humorvolle, comicartige Köpfe. Jedes Antlitz eine einmalige Gestaltung und doch fern einer persönlichen Ausstrahlung - so scheint es.

 

Was sehe ich nicht?

Was auffällt: ich sehe keine Körper, und das in einer Zeit, wo der Körperkult Hochkonjunktur hat. Attraktivität meinen viele gewinnen zu können durch einen geprägten Körper. Körperliche Ästhetik wird mit persönlicher Ausdruckskraft gleich gesetzt. Eine der Fragen, die dieses Bild aufwerfen möchte: Unterliegt der Mensch vielleicht der Gefahr, seinen Körper in überschätzender Weise zum Ausdruck seines bzw. ihres "Ich" zu machen? Das Bild Herbert Nauderers verzichtet auf jede Körperlichkeit. Es liegt also nahe, dass er die Persönlichkeit, das Wesen eines Menschen, das Einzigartige  auf einer anderen Ebene suchen möchte.

 

Warum erscheint dieses Bild so befremdlich?

Kunst ist mehr als eine Darstellung dessen, was ist. Kunst möchte das, was ist bzw. das, wovon wir meinen, es sei die objektive Wahrheit, hinterfragen und zu einer tieferen Sicht auf die Wirklichkeit führen. Herbert Nauderer lässt bewusst die irdische Untrennbarkeit von Körper und Wesenheit außer Acht. Er befreit sozusagen die Individualität des Seins von allem Körperlichen. So möchte er die verführerische Kraft der Äußerlichkeit entlarven. sein Bild möchte nach innen führen. Er möchte die Zufälligkeit des Körperlichen überwinden und zum einzig Bedeutsamen hinführen.

Im mittleren Teil des Bildes zeigt sich uns eine überdimensional große Amphore. Und bei genauem Betrachten des ganzen Bildes weisen auch manche Gesichtsumrisse die Form einer Amphore auf. Sinn eines nach oben hin offenen Gefäßes ist es, einen Inhalt aufnehmen, gleichsam bergend beschützen zu können. Der Mensch wird also zum Gefäß für anderes wie er auch selbst  Fülle eines ihn behütenden anderen Gefäßes ist.

Ohne dass der Künstler Herbert Nauderer den Anspruch einer religiösen Deutung erhebt, ist die Parallele zum alttestamentlichen Hohen Lied der Liebe naheliegend: "Dein Schoß ist ein wohlgerundeter Becher." (H.L. 7,2)

Beide Wahrheiten greift der Künstler auf und stellt einen Zusammenhang dar zwischen Gefäß und Inhalt; oder anders: zwischen Geschöpf und Schöpfer, dass nämlich der Mensch sowohl Inhalt, Fülle des Schöpfers als auch Gefäß für das Leben ist. So lesen wir im Neuen Testament bei Paulus, die Menschen trügen "den Schatz des Evangeliums in irdenen Gefäßen". (2Kor. 4,7) Die meditative Kraft dieses Triptychons lebt aus der Erkenntnis, dass alles Leben Hüterin des eigentlich Wesentlichen ist trotz aller vorgegebenen Begrenztheit des Daseins. Und zugleich ist alles Leben als Geschaffenes bewahrt in der Amphore des Letzten Geheimnisses.

 

Die neue Wahrheit im Bild

Wenn Herbert Nauderer auf alle Körperlichkeit verzichtet, bedeutet das nicht, dass er sich der Wirklichkeit dieser Welt entzieht. Dazu sind die Formen des Ausdrucks in den Gesichtern zu sehr geprägt von Kampf, Last und Leid.

Jedes Bild birgt auch ein Rätsel in sich, das, wenn es gelüftet ist, einen befreienden und beglückenden Gedanken offenbart jenseits aller Bedrücktheit des Lebens. In diesem Triptychon ist es ein Zahlenrätsel. Die beiden äußeren Bildelemente zeigen je 8x8 Köpfe; der mittlere Teil des Bildes weist 4x4 Köpfe auf. Zusammen ergeben sich insgesamt 144 Köpfe. Hier ist der Hinweis auf eine transzendentale Wahrheit grundgelegt ist, die in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird: "Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben. Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen." (Offb. 7) In aller Qual und in aller Verdunkelung des Lebens, trotz aller Schicksalhaftigkeit, denen der Mensch unterworfen ist, ist er doch bestimmt für eine transzendente Wirklichkeit und für den, der glaubt, ist das der Himmel.

 

Welche Geschichte hat dieses Bild?

Das Triptychon ist 1996 entstanden für eine Ausstellung in Mönchengladbach. Diese Ausstellung war überschrieben mit "Menschenbilder". Seitdem hat dieses Bild einen langen Weg zurückgelegt. Es wurde in mehreren deutschen Städten gezeigt, unter anderem in München, aber auch im Ausland.  

 

Welche Zukunft hat dieses Bild?

Das vermag keiner zu sagen, denn die Ausformung der Zukunft ist ungewiss. Heute hängt es in der Citykirche Mönchengladbach. Ein Ort offener Begegnung und eines lebendigen Suchens nach dem, was trägt, was Leben Sinn gibt, was heute leben lässt und für ein Morgen Zuversicht schenkt. Was kann der Mensch, was darf der Mensch? Dieses Bild stellt die Frage: "Was ist der Mensch?". Das Vermögen des Menschen wird  erst dann für die Zukunft fruchtbar sein können, wenn die Frage nach dem Wesen des Menschen darin in gleicher Werthaftigkeit bedacht wird. Inhaltlich nimmt das Bild von daher hier in der Taufkapelle einen wichtigen Platz ein. Als Getaufte wissen wir um das unerschütterliche Aufgehoben sein in Gott und um die Verantwortung, aus der Kraft dieser Verbundenheit das Leben in der Welt mit zu gestalten.

 

Christoph Simonsen