Entdecken Sie hier die Kunstwerke der Citykirche

Bewahrte Erinnerungen

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Das unscheinbare Schmuckkästchen bewahrt menschlich Wertvolles: An die Krippe des Weihnachtsfestes 2019 konnten die Besucher*innen unserer Citykirche Geschenke hinterlegen; Gaben, die ihnen dankbare und wertvolle Erinnerungen sind an Menschen oder Geschehnisse, mit denen sie sich im Glauben an den menschgewordenen Gott verbunden wissen. Diese sichtbaren Symbole – Reliquien – sind aufbewahrt in diesem Holzkästchen. Nicht, um verehrt zu werden, wohl aber, um die Erinnerung wach zu halten daran, dass wir Menschen leben aus dem, was uns geschenkt ist.

LWXLE7675 (c) Chr. Simonsen

Herbert Nauderer: Triptychon

Taufstein-Panorama-1a Kopie (c) John Barrawasser

Die letzte Frage ist die nach der Zukunft

Eine Hinführung auf das Triptychon von Herbert Nauderer

 

Was sehe ich?

Drei gleich große Leinwände. Die Gestaltung, die in der Farbgebung und in der Form ähnlich sind, legt nahe, dass diese drei Bildflächen zusammen ein Ensemble darstellen sollen. Das Ensemble als Gesamtbild wirkt durch die uniforme Farbgebung unscheinbar, gleichwohl bei der Betrachtung Emotionen geweckt werden. Obwohl die Bilder dunkel wirken, ermöglichen wenige erdfarbene Flächen eine Bodenständigkeit, die vor einem allzu bedrohlichen Angstgefühl bewahren möchte.

Ich sehe im zweiten Blick aneinander gereihte Gesichter und Antlitze. Schädel sehe ich. Ich sehe Köpfe wie von Kinderhand gemalt, Schädel, wie von Röntgenstrahlen durchleuchtet, Fragmente von Gesichtern mit angedeuteten Nasen und Augenhöhlen, Gesichter, die sich aus der Dunkelheit herauszuschälen scheinen. Ich sehe aber bei genauem Hinsehen auch humorvolle, comicartige Köpfe. Jedes Antlitz eine einmalige Gestaltung und doch fern einer persönlichen Ausstrahlung - so scheint es.

 

Was sehe ich nicht?

Was auffällt: ich sehe keine Körper, und das in einer Zeit, wo der Körperkult Hochkonjunktur hat. Attraktivität meinen viele gewinnen zu können durch einen geprägten Körper. Körperliche Ästhetik wird mit persönlicher Ausdruckskraft gleich gesetzt. Eine der Fragen, die dieses Bild aufwerfen möchte: Unterliegt der Mensch vielleicht der Gefahr, seinen Körper in überschätzender Weise zum Ausdruck seines bzw. ihres "Ich" zu machen? Das Bild Herbert Nauderers verzichtet auf jede Körperlichkeit. Es liegt also nahe, dass er die Persönlichkeit, das Wesen eines Menschen, das Einzigartige  auf einer anderen Ebene suchen möchte.

 

Warum erscheint dieses Bild so befremdlich?

Kunst ist mehr als eine Darstellung dessen, was ist. Kunst möchte das, was ist bzw. das, wovon wir meinen, es sei die objektive Wahrheit, hinterfragen und zu einer tieferen Sicht auf die Wirklichkeit führen. Herbert Nauderer lässt bewusst die irdische Untrennbarkeit von Körper und Wesenheit außer Acht. Er befreit sozusagen die Individualität des Seins von allem Körperlichen. So möchte er die verführerische Kraft der Äußerlichkeit entlarven. sein Bild möchte nach innen führen. Er möchte die Zufälligkeit des Körperlichen überwinden und zum einzig Bedeutsamen hinführen.

Im mittleren Teil des Bildes zeigt sich uns eine überdimensional große Amphore. Und bei genauem Betrachten des ganzen Bildes weisen auch manche Gesichtsumrisse die Form einer Amphore auf. Sinn eines nach oben hin offenen Gefäßes ist es, einen Inhalt aufnehmen, gleichsam bergend beschützen zu können. Der Mensch wird also zum Gefäß für anderes wie er auch selbst  Fülle eines ihn behütenden anderen Gefäßes ist.

Ohne dass der Künstler Herbert Nauderer den Anspruch einer religiösen Deutung erhebt, ist die Parallele zum alttestamentlichen Hohen Lied der Liebe naheliegend: "Dein Schoß ist ein wohlgerundeter Becher." (H.L. 7,2)

Beide Wahrheiten greift der Künstler auf und stellt einen Zusammenhang dar zwischen Gefäß und Inhalt; oder anders: zwischen Geschöpf und Schöpfer, dass nämlich der Mensch sowohl Inhalt, Fülle des Schöpfers als auch Gefäß für das Leben ist. So lesen wir im Neuen Testament bei Paulus, die Menschen trügen "den Schatz des Evangeliums in irdenen Gefäßen". (2Kor. 4,7) Die meditative Kraft dieses Triptychons lebt aus der Erkenntnis, dass alles Leben Hüterin des eigentlich Wesentlichen ist trotz aller vorgegebenen Begrenztheit des Daseins. Und zugleich ist alles Leben als Geschaffenes bewahrt in der Amphore des Letzten Geheimnisses.

 

Die neue Wahrheit im Bild

Wenn Herbert Nauderer auf alle Körperlichkeit verzichtet, bedeutet das nicht, dass er sich der Wirklichkeit dieser Welt entzieht. Dazu sind die Formen des Ausdrucks in den Gesichtern zu sehr geprägt von Kampf, Last und Leid.

Jedes Bild birgt auch ein Rätsel in sich, das, wenn es gelüftet ist, einen befreienden und beglückenden Gedanken offenbart jenseits aller Bedrücktheit des Lebens. In diesem Triptychon ist es ein Zahlenrätsel. Die beiden äußeren Bildelemente zeigen je 8x8 Köpfe; der mittlere Teil des Bildes weist 4x4 Köpfe auf. Zusammen ergeben sich insgesamt 144 Köpfe. Hier ist der Hinweis auf eine transzendentale Wahrheit grundgelegt ist, die in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird: "Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben. Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen." (Offb. 7) In aller Qual und in aller Verdunkelung des Lebens, trotz aller Schicksalhaftigkeit, denen der Mensch unterworfen ist, ist er doch bestimmt für eine transzendente Wirklichkeit und für den, der glaubt, ist das der Himmel.

 

Welche Geschichte hat dieses Bild?

Das Triptychon ist 1996 entstanden für eine Ausstellung in Mönchengladbach. Diese Ausstellung war überschrieben mit "Menschenbilder". Seitdem hat dieses Bild einen langen Weg zurückgelegt. Es wurde in mehreren deutschen Städten gezeigt, unter anderem in München, aber auch im Ausland.  

 

Welche Zukunft hat dieses Bild?

Das vermag keiner zu sagen, denn die Ausformung der Zukunft ist ungewiss. Heute hängt es in der Citykirche Mönchengladbach. Ein Ort offener Begegnung und eines lebendigen Suchens nach dem, was trägt, was Leben Sinn gibt, was heute leben lässt und für ein Morgen Zuversicht schenkt. Was kann der Mensch, was darf der Mensch? Dieses Bild stellt die Frage: "Was ist der Mensch?". Das Vermögen des Menschen wird  erst dann für die Zukunft fruchtbar sein können, wenn die Frage nach dem Wesen des Menschen darin in gleicher Werthaftigkeit bedacht wird. Inhaltlich nimmt das Bild von daher hier in der Taufkapelle einen wichtigen Platz ein. Als Getaufte wissen wir um das unerschütterliche Aufgehoben sein in Gott und um die Verantwortung, aus der Kraft dieser Verbundenheit das Leben in der Welt mit zu gestalten.

 

Christoph Simonsen

 

Axel Vater: Kreuz

Kreuz (c) Christoph Simonsen

Warum ein Kreuz verstören muss

Der erste Blick auf das Kreuz von Axel Vater löst verwirrende Gedanken und Gefühle aus. Dieses Kreuz verstört, verunsichert, hinterfragt bisher vertraute Vorstellungen von Kreuzdarstellungen. Der vor Schmerz verzerrte Blick eines sterbenden Jesus am Kreuz, vielleicht anders der entrückte Blick eines sterbenden Jesus, der schon den offenen Himmel sieht: eine solche Kreuzdarstellung lädt ein zu einem meditativen Gedanken, zu einem Gebet womöglich.

Der menschgewordene Gottessohn, der, der sich solidarisiert mit allem Leid dieser Welt; der, der dieses Leid im Gehorsam seinem Vater gegenüber auf sich nimmt; der, der alle Sünden der ganzen Welt durch seinen Kreuzestod hineinholen möchte in die Liebe Gottes; der, der mit ganzem Herzen darauf vertraut hat, hineinzusterben in die Liebe seines Vaters: Dieser Jesus, dieser sterbende Jesus verdient unser aller Ehrfurcht und Dankbarkeit; ihm betend sich anzuvertrauen laden viele solcher Kreuzdarstellungen ein. Und selbst dem Glauben Fernstehende können einem Kreuz in dieser Weise Respekt zollen.

Was aber hat den Künstler Axel Vater bewogen, dieses Kreuz zu kreieren, dem jede und jeder zunächst mit Abscheu begegnen muss? Es interpretiert in künstlerischer Freiheit die in der Kirche tradierte Identifizierung Jesu mit dem Lamm, das alttestamentlich als Opfertier bekannt ist. Bilder vom Gottessohn, dargestellt als Lamm Gottes, gibt es vielfältige. „Seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt“: Was womöglich hundertfach über die Lippen eines gläubigen Menschen kommt, wird in der Versichtbarung an diesem Kreuz zu einer sprachlos machenden Provokation. Will ein Künstler mit einer solchen Kreuzdarstellung gläubigen Menschen Hohn und Spott entgegenwerfen, da er doch an sein Kreuz die Haut eines Lammkadavers nagelt, die im eigenen Blut gewaschen wurde? Ist dieses Kreuz eine Provokation um der Provokation willen?

Mitnichten nein! Die Provokation dieses Kreuzes zeigt sich in der Offenlegung dessen, was in der Ästhetisierung vieler kirchlicher Kreuze verloren gegangen ist: Der Kreuzestod Jesu ist ein menschlicher Akt der Gewalt, der durch keine religiöse Überhöhung relativiert werden darf: Der Mensch hat den einen Menschen, der Gott wie kein anderer gelebt, geliebt und verkündet hat wie kein anderer, aus der Welt schaffen wollen durch einen erniedrigenden und beschämenden Tod. Scham muss die erste Reaktion sein, die ein Blick auf dieses Kreuz auslöst; tiefe eigene Scham und Reue darüber, dass Menschen damals und Menschen heute Gott entsorgen wollen, allein deshalb, weil sie es können.

Zugleich aber lädt dieses im ersten Blick so provokante Kreuz ein zu Dankbarkeit. Dankbarkeit darüber, dass Gott sich vom Menschen nicht beirren lässt. Er lässt die menschliche Demütigung, die ihm angetan wird, nicht nur zu; er provoziert sie selbst heraus. Er nimmt die Rolle des Opferlammes von sich aus ein. Die Menschen nageln die Menschlichkeit ans Kreuz, Gott lässt sich ans Kreuz nageln, um die Menschlichkeit zu retten.

Vor diesem Kreuz fällt es womöglich schwer zu beten; nichts ist verständlicher, da dieses Kreuz doch die potenzierte Gewalt vor Augen führt, derer Menschen fähig sind – also auch wir. Dieses Kreuz fordert uns heraus, uns unserer Scham zu vergewissern – und erst dann, nach der Scham, mag die Dankbarkeit, langsam wie ein Samenkorn, aus unserem Herzen fließen. Erst dann – nach der bekennenden Scham – wird unsere Dankbarkeit wahrhaftig sein, dass sie Gott erkennt.

Christoph Simonsen