Zum ersten Mal sind an diesem Wochenende vor dem Rathaus in Mönchengladbach ...

20200711b_142420 (c) Chr. Simonsen
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So 12. Jul 2020
Christoph Simonsen

Zum ersten Mal sind an diesem Wochenende vor dem Rathaus in Mönchengladbach die Fahnen in den Farben des Regenbogens gehisst. Nicht alle wissen um den Hintergrund und den Anlass für dieses symbolische Geschehen. Deshalb eine kurze Erläuterung: Am 28. Juni 1969 stürmten Polizisten in New York in der Christopher Street eine Bar, die vorrangig von queeren, also homosexuellen Menschen besucht wurde. Zum ersten Mal leisteten die Gäste gegenüber den Beamten Widerstand angesichts dieses unverhältnismäßig gewalttätigen Einsatzes. Daraus entstand eine weltweite Bewegung der queeren community, die hör- und sichtbar von da an bis heute für ihre Rechte in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch in den Kirchen kämpft. In Erinnerung an dieses Ereignis finden weltweit in den ersten Tagen des Juli Demonstrationen statt, die erinnernd mahnen, dass bis diese Rechte bis heute in vielen Ländern mit Füßen getreten werden. Vorrangig dieser stetigen gesellschaftlichen und politischen Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass sich zumindest in Deutschland und den meisten westeuropäischen Ländern die Rechtslage für Schwule, Lesben und Transgender nachhaltig verbessert hat.

Aber gilt das auch im Blick auf die Kirchen? In einem der Arbeitsgruppen des bundesweiten synodalen Prozesses „Leben in gelingenden Beziehungen“ wird dieser Frage nachgegangen und die queere community schaut sehr aufmerksam auf diesen Prozess. Ich selbst durfte in den vorbereitenden Konferenzen auf diesen Prozess hin mitwirken und mit dem Zentralkomitee der Katholiken ein Arbeitspapier mit auf den Weg bringen, was nun im synodalen Prozess diskutiert wird. Unter der Überschrift „Segen schenken – Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare“ hat das ZdK die Ergebnisse der Konferenzen sehr eindrücklich zusammengefasst.

Und ja: auch in den Kirchen bewegt sich etwas, wenn auch nur sehr langsam. Zu langsam, so sind viele überzeugt. Der gleichberechtigte Blick auf die Lebenswirklichkeit queerer Menschen ist immer noch vorrangig geprägt von einer falsch verstandenen Barmherzigkeit, da die Lehre der Kirche immer noch - gleich einem Gnadenakt - zwar davon spricht, es müsse allen Menschen in gleicher Weise wohlwollend und ohne Vorurteile begegnet werden, also auch den queeren Menschen; gleichzeitig aber unmissverständlich und gnadenlos von einem defizitären Leben gesprochen wird, in dem queere Menschen – zwar ungewollt – leben. Dieser Diskriminierung muss ein Ende gesetzt werden in dem synodalen Prozess der deutschen katholischen Kirche. Und ja: wenn dies nicht geschieht, dann werden voraussichtlich die letzten Hoffnungsträger der community der Kirche den Rücken zukehren.

Heute und hier braucht es ein klares Signal, dass die Kirche (bzw. die Kirchen) ihre in der Vergangenheit festzementierten Verurteilungen aufbrechen und sich zum einen dem gesellschaftlichen Wandel stellen und zum anderen die theologischen Klarstellungen anerkennen und würdigen und daraufhin auch ihre Pastoral ausrichten. Wer um einen Segen für sich und seine Partnerschaft bittet, darf nicht hin- und hergeschoben bis sich endlich ein/e Seelsorger*in bereiterklärt, diesen Segen authentisch und kirchlich offiziell eingebunden zuspricht. Queere Menschen sind keine Bittsteller, es sind Kinder Gottes wie alle. Der Segen Gottes darf nicht unter die Räder eines menschlichen Machtkalküls fallen.  Gottes Zuspruch hat eine wunderbare Wirkkraft, worauf Menschen auch heute vertrauen. Der Segen, ist ein Zeichen dafür, dass Gott am Wohlergehen des Menschen liegt; dass er Anteil nehmen möchte an Wohl und Wehe einer/eines jeden einzelnen und dass er mitgehen möchte in die Freude wie in das Wagnis all dessen, was Beziehung und Partnerschaft ausmachen. Erinnern wir uns: Am fünften Tag der Schöpfungsgeschichte legte Gott seinen Segen auf alles, was er ins Leben gerufen hat: auf die Kriechtiere und Vögel, auf die Meerestiere und die Säuger und dann auch auf den Menschen, und damit auch auf das Mühen, Leben im Miteinander zu gestalten. Gott machte keinen Unterschied: Alles, was lebte, sollte gesegnet sein. Leben sollte gesegnet sein und das, was das Leben einmalig und wertvoll macht. Das ist Wunsch und Sehnsucht Gottes; vom ihm geht der Segen aus; von Gott geht der Segen aus und keine und keiner ist ausgeschlossen. (vgl. Christoph Simonsen: Dankbare Menschen haben keine Angst vor dem Anders-sein, in: euangelion Zeitschrift für missionarische Pastoral, 3/2015)

Deshalb ist es auch heute von großer Bedeutsamkeit, dass in der Öffentlichkeit – wie eben in diesen Tagen vor dem Rathaus in Mönchengladbach und übrigens auch in Rheydt – das Zeichen des Regenbogens hängt: Wenn auch vieles erreicht ist im gesellschaftlichen Diskurs, zugesprochene Rechte sind noch kein Beleg dafür, dass eine Gesellschaft wirklich und wirkkräftig solidarisch geeint ist; auch gesellschaftlich gilt es immer noch, gegen Vorurteile anzukämpfen. Noch größere Schritte des Umdenkens aber müssen die Kirchen gehen, wenn sie auch in Zukunft noch ernst genommen werden wollen.

Euer

Christoph Simonsen