Pfingsten 2022

2022_06_03_Pfingsten22 (c) Chr. Simonsen
2022_06_03_Pfingsten22
Datum:
Fr. 3. Juni 2022
Von:
Christoph Simonsen

Immer, wenn ich in Berlin bin, muss ich einen Augenblick verweilen auf dem Bebelplatz direkt neben der Oper unter den Linden, nur einige Schritte entfernt von der Hedwigs Kathedrale, die ja zur Zeit grundlegend renoviert wird.

Dort auf dem Bebelplatz liegt ganz unscheinbar eine Glasplatte auf dem Boden, über die die meisten hinweggehen. Wer aber stehen bleibt und hineinschaut, der blickt hinein in einen leeren Raum, an dessen Wände weiße Bücherregale stehen - leer. Offensichtlicher kann man sich ein Leben ohne das freie Wort nicht vorstellen. Ein Leben ohne die Kraft des Wortes, ein Leben ohne das Geschenk bewegender Geschichten kann nur in Armseligkeit enden, in absolute Leere. Wen wundert es, dass Thomas Mann und viele andere nicht leben konnten und nicht leben wollten, wo das freie Wort und der freie Gedanke verfolgt wurden. Worte verbinden, Worte decken auf; Worte vermitteln, Worte erschrecken auch. Aber da, wo Worte sind, da ist immer auch ein Funke Hoffnung, dass sich etwas klären kann, etwas aufklaren kann.

Aber Worte sind immer nur ein Anfang, denn den Worten müssen Taten folgen. „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt“. So heißt es in einem Lied, das wir auch in unseren Gottesdiensten schon einmal singen.

Es könnte das Pfingstwunder geschehen, dass wir vor Begeisterung glühen und mit neuen Worten von unseren alten Träumen erzählen und die Kraft finden, die Träume heute zu leben.

Es könnte das Pfingstwunder geschehen, dass wir in Bewegung geraten und bisher Undenkbares zu denken wagen, Unbegreifliches erspüren lernen und das Unfassbare Gestalt annimmt und wir so unser altes Leben ganz neu werden lassen.

 

An diesem Pfingstfest möchte ich mich ermutigen lassen von der Hoffnung, dass wir in unserer Kirche die Not der Menschen erspüren, die an unserer Kirche leiden; dass wir als Kirche die Arroganz der Besserwisserei aufgeben zugunsten einer Sensibilität des Ernstnehmens; pfingstlicher Geist ereignet sich, wenn aus der Bereitschaft zur Veränderung tatsächlich Menschen der Mut erwächst, jenseits aller Autoritätsstrukturen zu tun, was ihnen der Geist eingibt.