Vielleicht mache ich jetzt einige von Euch ein wenig neidisch: In wenigen Tagen fahre ich in Urlaub und besuche einen lieben Freund in Istrien, der sich auf die Weinlese vorbereitet. In seinem Weingut wachsen zwei ganz besondere Rebsorten: die weiße Malvasia und die rote Teran Traube. Bei einem unserer letzten Begegnungen erzählte mir Elvio, was für ein großer Augenblick es für ihn ist, die ersten Trauben zu pflücken und den Keltervorgang zu beginnen. In ganz kurzen Abständen erprobt er immer wieder das Resultat des Gärvorgangs. Dann entscheidet es sich, ob es ein guter Jahrgang wird oder doch ein eher durchschnittlicher. Und wie dankbar ist er dann, wenn sich abzeichnet, dass die Pflege der Weinberge sich wieder einmal ausgezahlt hat und er mit dem Wein zufrieden ist. Nicht nur die Pflege, die einem viel Mühe abverlangt, sondern auch Gevatter Zufall und die Witterungen tragen ihren Beitrag dazu bei, dass der Wein gut werden wird.
Wenn ich dann ein paar Flaschen aus der Vorjahreslese mitnehme und zuhause öffne, dann habe ich immer dieses dankbare Gesicht von meinem Freund Elvio vor meinem geistigen Auge.
Dankbarkeit, so wird mir dann wieder bewusst, Dankbarkeit ist eine solch schöne Tugend, die ob der vielen Selbstverständlichkeiten des Lebens nicht selten in den Hintergrund gerät.
Vielleicht habt ihr ja auch Grund, dankbar zu sein für die zurückliegenden Wochen des Urlaubs oder der entspannten Erholung zuhause? Dass es gelingen möge, sich dieses Gefühl zu bewahren und nicht in der Routine des Alltags zu begraben, das wünsche ich Euch.
Ein Empfinden von Dankbarkeit zu hegen, das ist in unseren Zeiten alles andere als einfach. Ich merke selber, wie unauffällig schleichend, aber nicht minder wirksam sich lähmende und bittere Grundstimmungen in mir festbeißen angesichts der Hilflosigkeit, die mich umfängt im Blick auf die unterschiedlichsten Ungerechtigkeiten um mich herum. Vor einigen Tagen bescheinigte mir ein Bekannter eine positive Grundeinstellung zum Leben, die doch nun wirklich alles andere als realistisch sei. Und so ganz unrecht hat er ja wohl nicht. Die bevorstehenden Wahlen in den ostdeutschen Bundesländern, die befürchten lassen, dass menschenverachtende Parteien großen Zulauf erhalten werden, die Kaltschnäuzigkeit, mit der politisch verantwortliche am Rande unserer Gesellschaft lebende Menschen diffamieren, die Selbstverständlichkeit, mit der unser Sozialsystem ausgehebelt wird: all das und noch einiges andere wären Grund genug zu verzweifeln und zu verbittern.
Dass ich ein gutes Glas Wein genießen kann, das ist alles andere als selbstverständlich und weckt ein Gefühl von Demut in mir im Blick auf die Vielen, die hier in der Citykirche mit einem Glas Wasser zufrieden sind.
Vielleicht ist es genau diese Demut, die mich daran erinnert, wie wichtig es ist, dankbar zu sein und eben aus dieser Dankbarkeit heraus den mir begegnenden Menschen mit einer selbstverständlichen Achtung zu begegnen, die ihnen so oft verwehrt wird. Aus der Achtung vermag dann auch Verantwortung zu erwachsen. Aus diesem Grund fühlen wir Mitarbeitende in der Citykirche uns verpflichtet, Unrecht beim Namen zu nennen und zu warnen vor einer Zukunft, in der Verantwortungsträger*innen an die „Macht“ kommen, die dunkler nicht werden könnte.
Deshalb zitieren wir am Eingang der Citykirche einen mahnenden Spruch von Bertold Brecht.