Ansprache zum 2. Fastensonntag 2025

Datum:
So. 16. März 2025
Von:
Christoph Simonsen

Ansprache zum 2. Fastensonntag 2025:

Es gibt nicht so viele Erzählungen im Evangelium die davon erzählen, dass Jesus glücklich ist. Denn das ist mein Eindruck, dass sich etwas da oben auf dem Berg ereignet hat, das Jesus glücklich stimmte. So oft ist er Situationen ausgesetzt, in denen er gefordert ist, in denen er den bedrängten Menschen nahe ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Jesus so manches Mal haarscharf an einem Burn-out-Syndrom vorbeigeschrammt ist. Fürsorgendes Leben führt an die eigenen Grenzen. Wen wundert’s da, dass Jesus mal raus wollte, weg von dem Stress des Gutseins. Gutsein kann einen ganz schön an die eigenen Grenzen bringen; ja, aus Überzeugung, freiwillig und leidenschaftlich. Aber auch dann sind menschliche Kräfte begrenzt.

Und auch das ist eine Lebensweisheit, die vielen von uns nicht fremd ist: So oft fragt man sich: „Wofür das Ganze?“. Still und unheimlich wächst in einem das Gefühl der Ratlosigkeit und die Frage nach dem Sinn kommt auf.

Was bringt es, einem Menschen gut zu sein und gleichzeitig erkennen zu müssen, dass ich 99 anderen nicht helfen kann. Ja, ich weiß auch um das Gleichnis des verlorenen Schafes. Aber auch der Hirt, der dem einen Schaf nachgegangen ist, musste sich damit auseinandersetzen, dass er 99 andere alleine lassen musste; und ich bin mir sicher, dass das auch bei ihm ein mulmiges Gefühl zurückgelassen hat. Es wäre mal eine theologische Doktorarbeit wert, die der Frage nachgeht, wie Jesus mit Enttäuschung und Frustration umgegangen ist.

 

Im heutigen Evangelium hören wir davon, wie er mit den Belastungen des Lebens umgeht? Er fragt ein paar Freunde und lädt sie ein auf eine Bergwanderung. Einfach mal weg und sich Zeit nehmen, sich einen neuen Überblick über sein Leben zu verschaffen.

Ich find das eine gute Idee. Neben der Last seiner jesuanischen Einfühlsamkeit kam ja auch womöglich noch eine Portion Frust dazu, gegen die herrschenden Überzeugungen anzukämpfen. Immer wieder hat er es versucht, den Menschen nicht nur zu erklären, sondern auch vorzuleben, dass Gutsein glücklicher macht als gleichgültig und oberflächlich sein. Verdenken könnte ich es ihm nicht, denn er nahm damit definitiv eine Minderheitsposition ein. Und dass ihm der Wind dabei ins Gesicht blies, das können wir an vielen Stellen der Heiligen Schrift nachlesen. Das kann doch nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein. Mir kommt eine Frage in den Sinn, die unanständig ist, die sich Jesus aber vielleicht auch gestellt haben könnte: „Lohnt sich das alles überhaupt? Lohnt sich Gutsein, wenn man damit immer wieder aneckt?“.

Überlastung und Frustration: Das sind doch durchaus auch Lebenserfahrungen, die vielen von uns nicht fremd sind.

Was also macht Jesus? Er wandert mit Freunden auf einen Berggipfel. Und dann steht er da oben. Was genau da passiert ist, vorstellen kann ich es mir nicht. Die Stimme aus der Wolke; der Zuruf der Auserwählung; und dann wieder die Erkenntnis des Alleinseins (obwohl seine Freunde doch bei ihm sind). Die Frustration, wie ich sie gedeutet habe, die Erfahrung des Scheiterns, die Jesus wohl gespürt haben muss angesichts der Ablehnung, die er allenthalben erfahren hat: All das hinterlässt Spuren. Wo steckt der Sinn in all dem? Diese und ähnliche Fragen könnte sich Jesus gestellt haben. Und was immer auch auf dem Berg passiert sein mag; er geht wieder zurück in sein Leben. Die Spuren bleiben, die ihm das Leben gezeichnet hat; aber er nimmt sie an – nicht gezwungenermaßen, sondern aufrichtig und bestärkend, denn er geht seinen Weg weiter. Er fühlt sich in seinem Gutsein bestärkt.

Frustration und Hilflosigkeit ist hier in unserer Gesellschaft zur Zeit auch allenthalben zu spüren. Milliardensummen, die für die militärische Sicherheit aus dem Hut gezaubert werden; und gleichzeitig Überlegungen, die Arbeit der sozialen Netzwerke durch finanzielle Kürzungen zu erschweren.

 

So mancher Sozialarbeiter und manche Sozialarbeiterin bangen um seine und ihre ihm Anvertrauten. Sozialverbände kämpfen wie Löwen um ihre Schutzbefohlenen und haben doch große Angst, dass lange erprobte Hilfsprojekte abgewickelt werden müssen. Auch einzelne hilfsbereite Menschen fragen sich, ob sie der Not und der sozialen Kälte noch etwas entgegensetzen könnten? Dass Frustration fatale Folgen haben kann, das zeigen die sichtbaren Tendenzen, die das „ich“ wieder vor das „wir“ stellen „me first“ und dann die anderen. Nicht, dass eine solche Haltung ansteckend ist, aber sie schmerzt und frustriert. Das kann ich durchaus auch aus eigener Erfahrung sagen.

Was tun? Immer wieder mal Abstand suchen vom Alltagstrott. Bildlich gesprochen, auf einen Berg steigen und sich das eigene Leben aus einer gewissen Distanz anschauen. Die eigenen Ressourcen überprüfen und vor allem – sich rückbinden an seinen Glauben. So hat es Jesus getan. Was immer geheimnisvolles da oben passiert ist. Die Erfahrung, im Glauben getragen und gehalten zu sein, hat Jesus bestärkt, nicht aufzugeben, sich nicht einschüchtern zu lassen und seinen Weg fortzusetzen. Gutsein schüttelt man sich nicht aus dem Ärmel; Gutsein ist eben das Gegenteil von Selbstbeweihräucherung; Gutsein braucht ein Fundament, eine Überzeugung, die nicht sich selbst als erstes im Blick hat, sondern das Gegenüber; Gutsein braucht eine Quelle. Gott hat sich Jesus als Quelle neu und bestärkend zur Verfügung gestellt.